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17. März 2011

Die Erbauer der Brücke über die Dirna

Vladislav Bajac trifft Orhan Pamuk im "Hamam Balkania" und erzählt vom Leben des osmanischen Großwesirs Sokollu Mehmed Pascha

(Berliner Zeitung)

Der Blick zurück, so fängt Geschichte an. Auch "Hamam Balkania" fängt so an: mit dem Blick ins Vergangene gerichtet, ins Zurückliegende, das Ende erahnend, den Tod vor Augen.Doch "vor dem Tod lag natürlich ein Leben" - und was für eins: Das Leben des Großwesirs Sokollu Mehmed Pascha (ca.1505 - 1579) war so spannend, dass es schon mehrmals Anlass großer Geschichten wurde, zumindest in Jugoslawien; aber nicht nur dort: Neben Ivo Andric, dem einzigen jugoslawischen Nobelpreisträger, der sich in seinem Roman "Die Brücke über die Drina" mit dem Großwesir des Osmanischen Reichs - oder besser gesagt - mit seiner Hinterlassenschaft, der Brücke in Visegrad/Bosnien detailliert auseinand ergesetzt hat, hat sich auch sein Nobelpreisträger-Kollege Orhan Pamuk ausgiebig mit Mehmet Pascha befasst.

 

Was also ist so interessant an dieser Person: Sokollu Mehmed Pascha wurde als junger, serbisch-orthodoxer Mönch (vermutet wird, dass er ungefähr 18 Jahre alt war) im Zuge einer Knabenlese aus seiner Heimat in Bosnien entführt und in die Türkei gebracht. Vor der Entführung hieß er noch Bajo Sokolovic. Jetzt muss er zum Islam konvertieren, den christlichen Namen abgeben, einen neuen Namen annehmen, aus Bajo wird Mehmed - und damit muss er auch andere Bräuche erlernen und andere Sprachen. Seine Familie wurde das Osmanische Reich, sein Vaterersatz der Sultan, in dessen Janitscharentruppe er nun war. Hier steigt er bis zu den höchsten Rängen im Osmanischen Reich auf. Er ist türkischer Großwesir und ehemaliger Mönch, Serbe und Osmane, Muslim und Christ zugleich.

Der Schriftsteller Vladislav Bajac reist 430Jahre später dem Großwesir nach: Er fährt nach Visegrad, fährt den Weg nach Edirne ab, in die einstige Hauptstadt des Osmanischen Reichs, dann nach Istanbul, bis ans Meer und wieder zurück. Er macht überall dort Halt, wo sich der Großwesir aufgehalten hat. Penibel recherchiert Bajac in Stadtchroniken, Geschichtsbüchern, Archiven und Wörterbüchern des Osmanischen Reichs. Er liest alle möglichen Dokumente über die Zeit Mehmed Paschas und unterhält sich vor allem mit seinem Freund Orhan Pamuk über den Großwesir. Sie vergleichen ihr Wissen, ergänzen sich, erzählen von ihren Recherchen, spazieren zusammen in Visegrad, Belgrad und Istanbul; sie kommen sich vor wie Kinder, die anstatt Fußball-Panini-Bilder ihr Wissen miteinander tauschen.

Zwei Erzählstränge verschränken sich: Auf der einen Ebene, sie spielt im sechzehnten Jahrhundert, wird die Geschichte von Mehmet Pascha Sokolovic beschrieben, und wie dieser seinen engen Freund (vielleicht sogar seinen einzigen), den späteren Chef-Architekten des Osmanischen Reichs Koca Mimar Sinan kennenlernt und in ihm einen Gesprächspartner fürs Leben findet. Denn beide teilen das gleiche Schicksal: Auch Mimar Sinan hieß früher mal anders, nämlich Jusuf; er wurde aus seiner griechisch-orthodoxen Familie entführt, da war er auch etwa 18Jahre alt. Und genauso wie Mehmed arbeitete auch Sinan sich im Janitscharen-Trupp hoch und fand schließlich sein Talent als Architekt, und durfte es ausleben.

Beide verband noch etwas anderes: sie ließen nie von ihren Wurzeln ab, ohne ihren neuen Glauben zu verraten. Sie vereinten zwei Leben in einem Körper, verbanden das alte mit dem neuen, kümmerten sich um ihre Familien und die Regionen aus denen sie ursprünglich stammten. Als Großwesir stiftete Mehmed Sokolovic nicht nur Moscheen in Istanbul und Brücken und Hamame in Serbien, die er von dem "Michelangelo der Osmanen" Sinan bauen ließ, er sorgte auch dafür, dass die serbisch-orthodoxe Kirche, das Patriarchat in Pec, sich wieder reorganisieren konnte.

Auf der anderen Ebene, sie spielt in der Gegenwart, entsteht eine Art Tagebuch über das Schreiben: Bajac und Pamuk diskutieren über das Osmanische Reich und bilden dabei das Pendant zu den historischen Figuren Mehmed und Sinan. Oder Bajac philosophiert alleine über die Kraft eines Hamam, über den Tod und Hedonismus, über Musik und Bob Dylan, über seine Freundschaft mit Leonard Cohen und Allen Ginsberg.

Die Zeitsprünge vollziehen sich von Kapitel zu Kapitel, es entsteht ein Lese-Rhythmus, ein andauerndes Vor- und Zurückspulen. Die Spannung, endlich wieder an dem Kapitel des nächsten Erzählstranges weiterlesen zu können, bleibt hoch, auch weil die Kapitel nicht lang sind. Und gleichzeitig spiegelt die Struktur des Romans, die Dualität der Erzählstränge, die Zweigeteiltheit der Protagonisten wieder: Ein Körper, zwei Identitäten. Ein wunderschönes Buch, so modern, so voll von Geschichte.