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19. März 2011

Weiße Stadt mit dunklen Schatten

Noch eine Entdeckung aus Serbien: Vladimir Pistalo und sein überragender Belgrad-Roman über Politik, Krieg, Liebe, Kunst

(Berliner Zeitung)

Ein Mann ist auf der Flucht. Vor seinen Häschern ist er gerannt, gesprungen und getaucht. An der Mündung der Save in die Donau bleibt er erschöpft liegen und fällt in einen tiefen Schlaf. Er träumt eine Stadt mit weißen Mauern, die in der Sonne glänzen wie Kreide. Paläste gibt es dort, Theater und Buchhandlungen. Tee- und Weinstuben, gut sortiert wie Bibliotheken. In den Gaststätten die Speisen von tausend Völkern. Fein gekleidete alte Männer und Frauen schlendern durch wunderschöne Parks, junge Liebende küssen sich innig: eine Stadt ohne Dämmerung und ohne Sorgen.

Als der Träumende aufwacht, steht ein Engel vor ihm und spricht: Sieh! Der Traum ist Wirklichkeit geworden. Jetzt muss er nur noch das Tor aufstoßen und in die Stadt treten. Doch er fühlt sich zu schwach, die Verantwortung für seinen Traum zu übernehmen. Der Engel beginnt zu schreien, als unser Mann wieder zurück in die Wildnis flieht. Darauf belegen die Götter die Stadt mit einem Fluch. Dieser Ort wird eine Wunde sein. Sobald sich auf dieser Wunde Schorf bilde, soll er von schmutzigen Fingernägeln aufgekratzt werden. Die Einwohner müssen stets verachten, was sie sich am meisten wünschen. Kein Sohn werde vollenden, was der Vater begonnen habe.

Mit dieser frei erfundenen, aber wuchtigen Legende beginnt Vladimir Pistalo seinen Roman "Millennium in Belgrad" aus dem Jahr 2000, der in Serbien schon jetzt Klassikerstatus besitzt. 1960 in Sarajevo geboren und heute in Belgrad und den USA lebend, ist Pistalo die überragende Entdeckung der neuen serbischen Literatur. Milan, der Erzähler, träumt die Legende von der Gründung Belgrads immer wieder: ein Traum im Traum. Noch merkwürdiger jedoch ist, dass auch anderen Figuren des Romans diese Geschichte zufliegt. Es könnte also sich um das kollektive Unterbewusstsein aller Belgrader handeln.

Wir schreiben das Jahr 1980. Das Fernsehen überträgt die nationale Trauerfeier für den verstorbenen Präsidenten Tito, während Milan mit Freunden seinen 18. Geburtstag begeht. Man trinkt und spottet, ist verstrickt in persönlichen Interessen und Sehnsüchten. Dass der Tag eine Zeitenwende bedeutet, die nicht nur den Staat Jugoslawien, sondern auch das Private und Zwischenmenschliche betrifft, werden Milan, Irina, Zora, Boris und Bane erst später begreifen. Seine Freunde, sagt Milan, seien Stützen, die den Himmel mit der Erde verbinden. Am Ende des Romans wird er der einsamste Mensch sein.

Aus der Perspektive Milans, der nach seinem Studium als Historiker arbeitet, erzählt uns Vladimir Pistalo vielfältige Geschichten in Form von Fragmenten und Momentaufnahmen, denn mit dem Staat zerfällt auch das Leben. Die Geschichte Belgrads sowie der Staaten Jugoslawien und Serbien, der Krieg und der Hass spiegeln sich im persönlichen Schicksal der fünf Freunde zwischen 1980 und 1999. Eingeschoben in diese Erzählungen werden Mythen und historische Ereignisse, Träume, journalistische Berichte, Briefe, philosophische, literatur- und kunstgeschichtliche Exkurse.

Der engere Rahmen des Romans ist gespannt zwischen dem Tod Titos und der Bombardierung Belgrads 1999. Eine größere, das ganze 20. Jahrhundert umfassende Perspektive eröffnet sich durch die Familiengeschichten Milans und seiner Freunde. Sie beginnt mit den Berichten über Milans Großvater, einem surrealistischen Künstler, und endet bei Zoras Sohn, der vor den Nato-Bomben verstört Unterschlupf in Belgrads Kellern sucht. Milan und seine Clique, die Pistalo mit prototypischen Haltungen zum zerfallenen Jugoslawien ausstattet, entwickeln sich im Laufe der Balkankriege in verschiedene Richtungen.

Während die Kunsthistorikerin Zora als moralisches Gewissen Krieg und Nationalismus verteufelt und schließlich voller Scham über die Kriegsverbrechen stirbt, wird Boris, der eine Unterweltkarriere gemacht hat, zum aggressiven Patrioten. Auch die heroinsüchtige Irina, eigentlich unpolitisch, pöbelt über Kroaten und Albaner, worüber ihre Liebe zu Milan stirbt. Bane, der Musiker, flieht nach einem Kriegseinsatz in die USA und sieht die Heimat mit immer kritischeren Augen.

Und Milan, der seine Stadt liebt, aber ein "anständiger" Historiker sein will? "Mir liegt nicht nur das Wohl meines Volkes am Herzen, sondern das aller Völker. Die Balkanvölker wissen nichts voneinander. Sie sind wie Zeichnungen, eine über die andere gelegt wirken sie aus einiger Entfernung wie eine einzige Zeichnung. Die ist vielen meiner Kollegen nicht zugänglich." Gefragt, wie es in Jugoslawien zum Krieg kommen konnte, weiß Milan: "Jede einzelne Familie hatte einen aggressiven Faschisten im Wohnzimmer stehen. Das war der Fernseher." Am Ende stehen Zweifel und Ungewissheit, privat wie politisch. Dann fallen Bomben auf Belgrad. Milan sagt: "Ja. Ich bin Belgrad."