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07. Juni 2010

Als die Straßenbahn unter Strom gesetzt wurde

In "Genial" erzählen Petra Kabus und Constanze Schröder von Erfindungen in Berlin und Brandenburg

(Neues Deutschland)

Der Spritzkuchen, der Pappteller, die Reißzwecke, der Geigenzähler, der unverwüstliche Präsent-20-Anzug und das Tsunami-Frühwarnsystem, außerdem die Postkarte und das nathlose Kondom - das alles sind Erfindungen, die in Berlin und Brandenburg gemacht worden sind oder die wenigstens mit der Gegend zu tun haben. Vieles davon ist einfach genial und so heißt das Buch von Petra Kabus und Constanze Schröder dann auch gleich: "Genial".

Das Buch ist hervorragend geschrieben und löst Aha-Effekte aus. Es handelt von klugen Köpfen mit tollen Ideen, vergisst jedoch nicht den Missbrauch solcher Ideen für militärische Zwecke. Zuweilen geht es auch um findige Geschäftsleute. So brachte der Kaufmann Leo Baginski (1891-1961) im Jahre 1932 eine Kopfschmerztablette auf den Markt, die sich in ihrer Zusammensetzung kaum von ähnlichen Medikamenten unterschied. Doch mit dem charakteristischen Schlitz und einem ungeheuren Werbeaufwand gelang der Siegeszug der Tablette.

"Das Kunckelsche Goldrubinglas ist eine der frühesten Erfindungen, die aus Brandenburg bekannt sind", schreiben die Autorinnen. Die Technologie sei schon in der Antike bekannt gewesen und in der Renaissance verfeinert worden: "Die Ergebnisse waren jedoch nie wirklich befriedigend." Erst dem Alchemisten Johann Kunckel sei die Herstellung eines mit Gold gefärbten hohlen Kristallglases gelungen. 1679 erhielt er vom brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm eine Glashütte auf dem Hakendamm bei Potsdam. Sein Auftrag: Möglichst wertvolle Gläser produzieren.

Die erste elektrisch betriebene Straßenbahn der Welt präsentierte die Firma Siemens & Halske 1879 auf einer 300 Meter langen Rundstrecke auf der Berliner Gewerbeausstellung. Die Fachwelt interessierte sich sehr dafür, das Bedürfnis nach modernen Verkehrsmitteln war groß. Schließlich hatten die bis dahin verwendeten Pferde- und Dampfbahnen viele Nachteile: Die Pferdebahnen fuhren nicht sehr schnell und die Pflege der Tiere war aufwendig, die Dampfbahnen belästigten durch Rauch und Geruch. Trotzdem lehnte die Stadt Berlin den Vorschlag von Siemens ab, ein dichtes Netz elektrischer Bahnen zu knüpfen. Der Unternehmer Werner von Siemens gründete deshalb 1881 auf eigene Faust eine Betriebsgesellschaft. Diese erwarb eine stillgelegte Materialbahn und baute sie zu einer 2,5 Kilometer langen Versuchsstrecke aus. Ab dem 16. Mai fuhren dort 4,3 Meter lange Wagen mit zwölf Sitz- und acht Stehplätzen. Sie erreichten ein Tempo von bis zu 20 Stundenkilometern und schafften die Distanz in zirka zehn Minuten. Der Prediger Johann Heinrich Duncker (1767-1843) aus Rathenow kaufte eine Maschine, die mehrere Brillengläser gleichzeitig schleifen konnte. Ein Schuhmeister und ein Kaufmann aus Neuruppin hatten das Gerät konstruiert, doch es funktionierte nicht gut. Duncker verbesserte die Maschine und gründete eine erfolgreiche Manufaktur.

In Guben entwickelte Carl Gottlob Wilke (1796-1875) ein Verfahren zur Produktion von Filzhüten aus Schafwolle. Für die dazu verwendete Druckluftkammer erhielt Wilke 1852 das Patent. Vorher entstanden Filzhüte aus dem teuren Hasenhaar.

Wilhelm Friedrich Wieprecht (1802-1872) entwarf die Tuba, weil er sich einfach handhabbare Blechblasinstrumente für die Militärkapelle wünschte. Seine Karriere führte ihn bis auf die Stufe des Direktors aller Kapellen des Gardekorps.

Der Korb- und Konservenfabrikant Johann Heinirch Grüneberg (1819-1872) erfand die Erbswurst, laut Kabus und Schröder die "Mutter aller Tütensuppen". Es handelt sich bei der Erbswurst um ein Gemisch aus Erbsenmehl, Speck, Gewürzen und Salz, in Portionstabletten gepresst und in einer Papierrolle verpackt. Die Portionstablette musste nur in kaltem Wasser aufgelöst und einige Minuten gekocht werden und fertig war eine sämige Suppe. Der preußische Staat kaufte Grüneberg diese Erfindung für 35.000 Taler ab und verwendete sie für seine Truppen. 1870 ging die Erbswurst als Verpflegung mit auf den Feldzug gegen Frankreich. Auf Staatskosten entstanden Fabriken, die bis zu 65.000 Kilogramm Erbswurst täglich herstellten. Als Grüneberg starb, wurde er mit militärischen Ehren begraben.

Frieden für die Ohren versprach Ohropax. Der Markenname des Ohrenstöpsels leitet sich aus dem lateinischen Wort Pax für "Frieden" ab. Doch die Idee des Apothekers Maximilian Negwer (1872-1943) schaffte den Durchmarsch ausgerechnet im Ersten Weltkrieg. Ab 1917 wurde Ohropax "gegen die Schallwirkung des Kanonendonners" an die deutsche Front verteilt. 1924 wurde der Firmensitz nach Potsdam verlegt.

Auch heutzutage wird ständig etwas erfunden. Allein in dem Wissenschaftsviertel in Berlin-Adlershof soll es wöchentlich eine neue Erfindung geben. Aber es arbeiten große Kollektive an kleinen Fortschritten. Der einzelne geniale Tüftler ist sehr selten geworden.